Vereins-Chronik.


Vereinschronik Turnsport 1911 – 100 Jahre Turnsport

 

Um 1900 hatte die stürmische industrielle Aufwärtsentwicklung Berlins auch gesellschaftliche Auswirkungen, die der Jugend nicht förderlich sein konnten. Einige Junglehrer der 208. Gemeindeschule in der Gotenburger Straße im Bezirk Wedding (heute Wilhelm-Hauff-Grundschule) machten sich Sorgen und überlegten, wie die schulentlassenen Jungen, die in dieser Entwicklungsphase zum Herumlungern auf den Straßen neigten, zu sinnvollerer Tätigkeit, zu musischer oder sportlicher Aktivität angeregt werden könnten. Ein Vorbild sahen sie in den Ideen des Friedrich Ludwig Jahn.

Als der Rektor die Schulräume nach dem Unterricht frei gab und ein gerade erlassenes Jugendpflegegesetz in Kraft trat, das zur Förderung von Jugendwanderungen Vergünstigungen gewährte, war eine Basis für die spätere Vereinsgründung geschaffen.

So wurde im Konferenzraum der Schule am 22. Oktober 1911 von Richard Maier und Arthur Seeger der „Verein ehemaliger Schüler der 208. Gemeindeschule“ als Jugendclub ins Leben gerufen.

 

Bald herrschte in der „Gotenburg an der Plumpe“ ein reges Treiben. Die bereits bestehenden Turnriegen übernahm Arthur Seeger. Ein Streichmusik-Orchester übte unter Leitung von Lehrer Klebs und Richard Maier selbst betreute die Gruppe der Mandolinenspieler. Konrektor Springer, der in der Schule bereits einen Knabenchor leitete, konnte endlich durch tiefe Stimmen einen Männerchor daraus machen. Bei den Mimen in der Theaterabteilung führte zunächst Carl Boeker, später Willy Kukhahn – kaum der Jugend entwachsen – Regie. Die Fußballspieler, die bisher „wild“ auf dem holprigen Platz in der Soldiner Straße knödelten, spielten dann in Pankow auf einem Platz des TV Wedding, mit dem eine Arbeitsgemeinschaft bestand. Auf dem „Exer“, in der Eberswalder Straße, wurde im Januar 1913 das erste Fußball-Verbandsspiel ausgetragen.

Die Leichtathleten bekamen in Hugo Wenkel einen erfahrenen und umsichtigen Jugendleiter. Anfang 1914 zählte der Jugendclub bereits 200 Jungen.

 

Dann begann der 1. Weltkrieg.

Trotz der schweren Zeiten ging der Übungsbetrieb weiter und im März 1915 kam noch eine spielstarke Hockey-Abteilung hinzu, die in dieser Zeit zu einer der Stützen des Vereins wurde. In diesen Jahren übte Hugo Wenkel, durch seine Tätigkeit an Berlin gebunden, einen entscheidenden Einfluss auf das Vereinsgeschehen aus. Er war als Oberturn- und Jugendwart die Seele des gesamten Turn- und Sportbetriebes.

 

Am 1. Januar 1918 wurde die Umbenennung des Jugendclubs in

 

Berliner Turnsport-Verein

 

beschlossen. Die Umstrukturierung erfolgte, da viele Jungen, die Mitglieder des Vereins waren, keinerlei Beziehung zur 208. Gemeindeschule hatten. Das neue Domizil war die gegenüber der „Gotenburg“ errichtete neue Schule, die eine wesentlich größere Turnhalle besaß. Schon im Februar 1918 erfolgte der Beitritt zum „Berliner Turnrath“. Hier waren die politische und konfessionelle Neutralität gewahrt und die besten Möglichkeiten zu Wettkampfbetätigungen. Leider musste später durch diesen Beitritt die Fußball- und die Hockey-Abteilung aufgegeben werden.

 

Die Revolution beendet den Krieg, der auch unter unseren Mitgliedern Opfer gefordert hatte. Trotz der politischen Unruhen und der schlechten Lebensbedingungen, die Geldentwertung setzte schon ein, wurde der Übungsbetrieb bald wieder aufgenommen.

Im August 1919 kamen eine Mädchen- und eine Damenabteilung hinzu, die in anderen Vereinen schon längst zur Gemeinschaft gehörten. Um den überall in Erscheinung tretenden Großvereinen gewachsen zu sein, fusionierte 1921 – etwas überhastet – unser Verein mit dem TV Friesen Berlin e.V. zum Berliner Turnsport-Verein Friesen e.V. Im Jahre 1923 kam noch der TV Pankow e.V. hinzu, so dass der gesamte Verein rund 1000 Mitglieder zählte.

Die Fusion währte jedoch nicht lange. Zu unterschiedliche Meinungen, die in den traditionsreichen Vergangenheiten der einzelnen Vereine lagen, trafen im Vorstand aufeinander, so dass es im Herbst 1924 wieder zur Trennung kam.

Mit unserem alten Vereinsnamen Berliner Turnsport-Verein und dem Vorsitz von Karl Franke begann ein ungeahnter Aufschwung, der im Bereich der Leichtathletik zur erfolgreichsten Zeit des Vereins werden sollte. Viele gute Wettkämpferinnen und Wettkämpfer aus den beiden anderen Vereinen blieben uns nach der Trennung erhalten.

Schon im Januar 1925 stellten wir uns beim Hallensportfest des Kreises Brandenburg in unserer neuen stahlblauen Kleidung mit dem roten Adler der Öffentlichkeit vor. Dank unseres glänzenden Einstiegs durch Siege in den Jugendsportstaffeln und guten Plätzen in den anderen Wettbewerben wurden wir als Neuling von der Presse gefeiert und schon von da an nur noch „Turnsport“ genannt.

 

Überall waren wir jetzt ein ernstzunehmender Gegner, überall war der rote Adler mit vorn. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Hugo Wenkel, früher selbst ein hervorragender Turner und Leichtathlet, der es meisterlich verstand, seine Erfahrungen den Läufern zu vermitteln und den Nachwuchs auszubilden.

 

Zu dieser Zeit entstand auch unser Vereinslied, das Richard Maier dichtete und Walter Philipp vertonte.

Inzwischen hatte der Handballsport seinen Einzug gehalten. Aus dem vom Berliner Oberturnwart Max Heiser 1917 eingeführten Hallenturnspiel für Mädchen, wobei Fangen und Werfen sowie keine Körperberührungen im Vordergrund standen, entwickelte der Berliner Sportlehrer Carl Schelenz ein Handballspiel für Männer auf dem Fußballfeld.

Bald wurde der (Fuß)-Ball verkleinert, ein Wurfkreis und die Drei-Schritt-Regel eingeführt.

 

Andere Länder wurden schnell auf das neue Spiel aufmerksam und übernahmen die Regeln von Schelenz. Der Handball trat seinen Siegeszug an!

Schon am 13. September 1925 gab es das erste Länderspiel in der Geschichte des Handballs. Deutschland als „Lehrer“ verlor in Halle/Saale gegen den „Lehrling“ Österreich mit 5:6!

 

Aber zurück zum Verein.

Am 17. Oktober 1924 fand das erste Handballspiel von Turnsportlern statt!

Lassen wir jetzt – über die Jahre 1924 – 1930 den damaligen 1. Vorsitzenden Hugo Frank zu Worte kommen:

„Nach der Neuformierung des Berliner Turnsport-Vereins im Jahre 1924 meldeten wir zu den Rundenspielen des Kreises Berlin der Deutschen Turnerschaft erstmalig eine Männermannschaft. Um einen Überblick über die Mannschaftsstärke zu gewinnen, wurde zunächst einmal das erste Spiel als Freundschaftstreffen gegen den TSV Zossen vereinbart.

 

Unsere damalige Männerabteilung war nur klein, und da die Spielverabredung erst am 16.10.1924, sonnabends spät für den 17.10.24 geschah, musste der Spielwart W. Große die elf Spieler, den Ersatz und die dafür interessierten Schlachtenbummler am Sonntagvormittag zusammentrommeln und buchstäblich aus den Betten holen. Mit großer Begeisterung verliefen die Fahrt und auch das Spiel, das wir mit 5:1 gewannen. Noch schöner war das abendliche Zusammensein mit den Zossener Kameraden; wenn auch als Ausklang unser Torsteher als Strafe, für das laute Singen der anderen auf der Straße, verhaftet wurde und noch obendrein den Zug versäumte. Dieser glückliche Auftakt gab der Mannschaft die nötige Stärkung, um in den Rundenspielen im Abschnitt Süden den zweiten Platz hinter dem MTV Friedenau zu erkämpfen. Unser Spielplatz war damals der Platz der vier Berliner Turngaue in Eichkamp.

 

Im nächsten Spieljahr meldeten wir außer der Männermannschaft auch noch eine Jugend- und eine Frauenmannschaft. Wir spielten nun im Abschnitt Norden auf unserem Sportplatz Scharnweber Str. und erzielten bei den Männern in der zweiten Kreisklasse den ersten Platz, wurden aber im Ausscheidungsspiel von der BT 9 geschlagen. Zu erwähnen wären noch die Freundschaftsspiele mit Neuruppin, Velten, Biesenthal usw.

 

Unsere Handballabteilung wuchs weiter, und zum nächsten Spieljahr 1926/1927 konnten wir zwei Männer-, eine Frauen- und eine Jugendmannschaft melden. Diesmal erzielten wir bei Abschluss der Spiele den ersten Platz für Männer und Frauen und beide Mannschaften kamen dadurch in die erste Kreisklasse. Mit zwei Frauen-, Jugend- und Männermannschaften beteiligten wir uns an einem großen Turnier in Zossen und konnten alle Spiele erfolgreich gestalten.

Im Spieljahr 1928/29 erreichten wir auch in der ersten Klasse den ersten Platz und stiegen in die damalige Meisterklasse auf. Als Abschluss dieser Spielzeit besuchten wir mit zwei Männermannschaften den TV Großröhrdorf in Sachsen und verschiedene Kameraden werden sich noch freudig der schönen Stunden mit unseren Sachsenfreunden erinnern.

Im Spieljahr 1929/1930 spielten unsere Männer und Frauen in der höchsten Spielklasse.“

 

Soweit der Bericht des damaligen 1. Vorsitzenden Hugo Frank.

 

 

Auch das Geräteturnen in den Jugendabteilungen wurde nicht vernachlässigt. Am alljährlich stattfindenden Musterriegen-Wettturnen nahmen wir immer mit sehr guten Ergebnissen teil. Großer Wert galt von jeher dem Gemeinschaftsgeist!

Die vielseitigen Veranstaltungen, an denen alle Abteilungen teilnahmen, waren aus dem Vereinsleben nicht mehr wegzudenken, An- und Abturnen auf dem Sportplatz in der Scharnweber Straße, Frühjahrs- und Herbstwanderungen sowie Sommerfest, Stiftungsfest und Wintervergnügen gehörten dazu.

 

In den Jahren 1929-1932 wurden die wirtschaftlichen Verhältnisse immer schlechter, die Zahl der Arbeitslosen nahm stetig zu. Politische Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung und hatten auch Auswirkungen auf unseren Verein.

1933 erfolgte die Machtergreifung durch die NSDAP. Alle politischen Parteien, Verbände und Vereine verloren ihre Eigenständigkeit und wurden im „Reichsbund für Leibes­übungen“ zwangszusammengeführt.

 

Fortan mussten Mitglieder einen sog. „Arier-Pass“ vorlegen, um weiterhin Sport treiben zu dürfen. Inwieweit hierbei auch jüdische Vereinsmitglieder betroffen waren, ist keinem der noch vorhandenen Vereinsprotokolle und Vereinszeitungen der damaligen Zeit dokumentiert. Der Turnsport-Verein war und ist stets um politische Neutralität bemüht! Dies geht auch aus dem 5. Nachrichtenblatt von 1933 hervor, wo den ehemaligen Mitgliedern marxistischer Vereine, die aufgelöst wurden, eine neue „Heimat“ im Berliner Turnsport-Verein angeboten wurde.

Bruno Neuke, der schon seit 1932 die Geschicke des Vereins in den Händen hielt, wurde zum „Vereinsführer“ ernannt. Ein sportliches erfolgreiches Jahr erlebten wir noch einmal 1934. Beim Hallensportfest des DLV waren sowohl Männer als auch Frauen in ihren Pendelstaffeln (10x50 m) siegreich über alle anderen renommierten Mannschaften der Berliner Leichtathletik-Spitzenvereine.

Im Juli des gleichen Jahres kehrten unsere 40 Teilnehmer mit Siegeskränzen vom 25. Brandenburgischen Turnfest zurück.

 

Im November 1934 schloss sich der ehemalige Volkssport Wedding e.V. mit seinen aktiven Mitgliedern unserem Verein an. Damit kommen eine Anzahl von leistungsstarken Handballerinnen und Handballern sowie eine komplette, rührige Schwimmabteilung, unter der Leitung von Alfred Abendroth zu uns, die sich schnell unserem Verein anpassten, dem jetzt wieder rund 600 Mitglieder angehörten.

 

Die Jahre 1935/36 waren ganz auf die XI. Olympischen Spiele ausgerichtet. Im September 1936 feierten wir in den „Germania-Festsälen“ mit 1500 Gästen unser 25. Stiftungsfest.

Der Druck auf die Jugendlichen, sich der „HJ“ oder dem „BDM“ anzuschließen, wurde immer stärker und zwingender, der Besuch der Turnabende nahm dementsprechend ab, bis sich die Jugendabteilungen schließlich auflösen mussten. Die militärischen Aktionen ab 1938 beeinflussten alle Lebensbereiche. Auch der Sport wurde zur Nebensache, sonst ein Aushängeschild des Staates. Die Verpflichtungen, die auferlegt wurden, ließen kaum Spielraum zur freien Entfaltung. Trotzdem konnte unsere I. Handball-Mannschaft der Männer 1939 in die höchste Berliner Spielklasse aufsteigen und sich dort zwei Jahre halten. Am 13. und 27. Juli 1939 trainierte sogar der Erfinder des Handballs Carl Schelenz unsere Männer auf dem Platz an der Scharnweber Straße.

 

Im September 1939 begann der 2. Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen. Die Reihen lichteten sich, doch bis 1943 ließ sich der Trainingsbetrieb noch einigermaßen aufrechterhalten, danach musste die Arbeit eingestellt werden.

 

Berlin war nach dem Krieg ein einziges Trümmerfeld. An ein normales Vereinsleben war lange Zeit nicht zu denken, da die Überlebenden mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert waren. Die Normalität kehrte nur langsam zurück.

Unser Vereinslokal in der Wollankstraße hatte den Krieg unbeschadet überstanden. Hier, bei der Wirtin Anni Gölzer, fanden sich die „Turnsportler“ wieder zusammen, viele erst nach langer Gefangenschaft.

Die alliierte Kommandantur löste den „Reichsbund für Leibes­übungen“, dem wir gezwungenermaßen angehörten, auf und in  den Bezirken war nur der unter Aufsicht stehende Kommunalsport gestattet. Doch bestehenden Bande der Freundschaft kann man nicht zerreißen, die Vereinstreue nicht verbieten. Nie war der Zusammenhalt unter den verbliebenen Mitgliedern so stark wie in der Notzeit. Alle hatten nur den einen Wunsch: Den Verein wieder zum Leben zu erwecken!!

 

Ab 1947 waren Vereinsgründungen wieder zugelassen. Als sich die Volkssportler ihren eigenen Verein wieder aufleben ließen und sich die Schwimmabteilung als Schwimmclub Wedding selbstständig machte, beantragten wir im Juni 1950 die Lizenz, die wir dann im September für den

„Berliner Turnsport-Verein 1911 e.V.“

 

erhielten.

Die Jahreszahl der ursprünglichen Gründung wurde nun zur Kennzeichnung gegenüber anderen Vereinen angefügt.

Der Mitarbeiterstab war längst gebildet, Willy Kukhan übernahm den Vorsitz und Hugo Wenkel das Amt des Oberturnwarts.

Durch die gute Verbindung zur Diesterweg-Oberschule, an der

Erich Hoffmann als Lehrer arbeitete, kamen viele sportbegeisterten Jugendliche zu uns. Bereits nach wenigen Monaten war der Zulauf von Jungen und Mädchen so groß, dass vorübergehend niemand mehr in die Turnsport-Gemeinde aufgenommen werden konnte, da leider nur die zu kleine Halle in der Zechliner Straße zur Verfügung stand.

 

Eine ganze Anzahl der damaligen Jungen sind unserem Verein treu geblieben und bilden jetzt den Stamm unserer Dino-Gruppe (Ü 70).

 

Die Arbeit von Heinz Büchner, der die Handball-Abteilung wieder aufbaute, zeigte erste Ergebnisse, denn zu den Rundenspielen 1951/52 konnte je eine Mannschaft Männer, Jungmannen (A-Jugend), Jugend (B-Jugend), Jungmädchen (A-Jugend), Schüler  und Schülerinnen (C-Jugend) gemeldet werden.

 

Die Auswirkungen des Krieges führten dazu, dass eine Turnabteilung leider nicht mehr zustande kam. Man orientierte sich neu und spielte Handball, Faustball und Prellball oder traf sich zur Gymnastik.

Eine neue Abteilung bildeten die Kegler, die sich sofort dem „Verband Berliner Sportkegler“ anschlossen.

Wie schon früher, wurden die Gemeinschaftsveranstaltungen beibehalten. Das An- und Abturnen und die gemeinsamen Wanderungen vereinten die Abteilungen zu gegenseitigem Kennenlernen. Neben Kostümfest, Frühlingsfest, Sommerfest und Weihnachtsball war in jedem Jahr das Stiftungsfest im Herbst das Highlight der Saison.

 

Die Möglichkeiten, sich wettkampfmäßig mit anderen Vereinen zu messen, wurden überall wahrgenommen. Ob bei Wettturnen, auf der Aschenbahn, bei Straßenstaffeln oder in den Rundenspielen der Spielmannschaften, der „Rote Adler“ (von Hans Jachmann 1955 neu und modern gestaltet) war immer mit vorn dabei, über Turnsport 1911 wurde wieder lobend geschrieben und gesprochen!

 

Im Oktober 1961 begingen wir festlich unser 50-jähriges Jubiläum. An einer Feierstunde nahm auch Richard Maier, einer der Vereinsgründer, teil. Mit viel Freude und Genugtuung erlebte er „seinen“ wieder auferstandenen Verein. Er ließ es sich natürlich nicht nehmen, die Festansprache selbst zu halten: Wir lebten damals nur für eine Idee, viele Stunden in der Woche waren wir hierfür unterwegs, unsere Freizeit gehörte ausschließlich der Jugend.“

Der große Festball in der Hochschulbrauerei in der Amrumer Straße bildete den Höhepunkt in unserem Jubiläumsjahr.

 


Langsam verlagerten sich im Verein die Interessen. Fast unmerklich vollzog sich eine Wandlung, auf die Erich Hoffmann schon 1955 im Vereinsblatt hinwies: „Das Spiel ist es, das immer mehr an Bedeutung gewinnt und somit unserem Vereinsbetrieb den Stempel aufdrückt!“

Vom Turnen fanden die Jugendlichen über die Leichtathletik zum Handballspiel.

Bedauerlicherweise verringern sich die Mitgliederzahlen, weil dem Verein in allen Bereichen qualifizierte Trainer und Betreuer fehlten. Waren es 1955 noch ca. 600 Vereinsmitglieder, so sank die Zahl in den folgenden Jahren auf 300 Mitglieder. Hinzu kam, dass sich zwar viele Jugendliche für Handball interessierten, aber da der Fußball bereits seinen Siegeszug angetreten hatte, war die Fluktuation natürlich groß.

 

Die älteren Turnsportler wandten sich dem Kegeln, Faust- oder Prellball zu und spielten in ihren Altersklassen jahrelang eine sehr gute Rolle. Faust- und Prellballer lösten sich aber auch allmählich auf und bilden um den Stenzel-Clan ab 1972 den Stamm unserer neugegründeten Volleyball-Freizeitgruppe, die dieses Spiel in seiner schönsten Form, nämlich „gemischt“ betrieb. Unter der Leitung des damaligen Abteilungsleiters Joachim Berghoff wurde die Gruppe 1977 an die Freizeit-Volleyballturniere des BTB herangeführt. Diese Turniere bilden auch heute noch die Höhepunkte unserer Volleyballer, die lange Zeit vom Ehepaar Meyer, dann vom Ehepaar Duckwe und heute von Stefan Moritz geführt wurden und werden.

Leider kämpfen die letzten wackeren Pritscher durch die augenblickliche Aussperrung aus ihrer angestammten Heimathalle in der Osloer Straße um den Erhalt ihrer Abteilung.

Kegler und Handballer kristallisierten sich immer mehr als tragende Abteilungen unseres Vereines heraus.

Die Kegler, alles ehemalige Turner und Leichtathleten der älteren Generation, schafften ihren ersten Aufstieg in die Berliner Oberliga, mussten aber 1966 wieder absteigen. Durch Neuzugänge im Jahre 1967 gelang wiederum der Aufstieg. Aus ihren Reihen ragte der junge Jörg Dobe (ehem. Turner) hervor. 1969 wurde er als Mitglied der Berliner Auswahl Deutscher Mannschaftsmeister und 1978 Berliner Einzelmeister. Leider sah diese doch so erfolgreiche Abteilung bei Turnsport keine Zukunftsperspektive mehr, auch fehlte der Nachwuchs und 1980 entschloss man sich, den Berliner Turnsport-Verein 1911 zu verlassen.

Wie schon erwähnt, begann die Nachkriegsgeschichte der Handballer in der Saison 1951/52. Zumeist startete die Feldsaison Anfang September und endete im April des folgenden Jahres. Im Winter wurde sogar bis -5°C gespielt. Da wir auf der großen Spielwiese im Schillerpark unser Spielfeld nach Angaben des Platzwartes aufbauen mussten, gab es im Winter bei gefrorenem Boden mit der Aufstellung der Pfosten oft Probleme, denn die Holzpfosten hatten zur Standsicherheit am Fuß einen dicken Dorn, der in die Erde gerammt wurde. In den ersten Jahren gab es auch keine Tornetze, bis der Verein sich eigene anschaffte. Die Waschgelegenheit in den Umkleidebaracken waren Handwaschbecken mit nur kaltem Wasser, das im Winter sogar abgestellt war.

 

Hallenhandballspiele beschränkten sich auf einige Turniere in den noch wenig vorhandenen Sporthallen. Die Punktspiele fanden in ausgelosten Gruppen in Turnierform statt, wobei für Turnsport anfangs schon in der 1. Runde Schluss war, doch langsam stieg mit verbessertem Training auch die Spielstärke aller Turnsportmannschaften.

 

Bei allen Mannschaften waren damals die fehlenden ausgebildeten Trainer, das fehlende Material (Bälle und gute Sportschuhe) sowie im Winter geeignete Sporthallen zu finden die größten Probleme. Kastenteile oder ähnliches ersetzten in den kleinen Turnhallen die Tore. Beim Wurftraining stand der Torwart zwischen zwei Hochsprungständern und die Spieler teilten sich höchstens drei Bälle.

Ab 1956 verbesserte sich die Situation. In der Bernauer Straße trainierten wir in einer Halle mit Toren und einem ca. 25x18 m großem Spielfeld. Vier Feldspieler konnten auf jeder Seite mitspielen. Jetzt begann trotz beschränkter Trainingszeit (sieben Mannschaften teilten sich samstags von 16:00 bis 21:30 Uhr die Halle) eine spielerische Verbesserung aller Mannschaften auch in der Halle.

In der Feldsaison 1954/55 stieg die neuformierte Männermannschaft ungeschlagen zur 1. Kreisklasse auf.

Im Winter 1955/56 wurde die weibliche A-Jugend Berliner Hallenmeister.

Diese weibliche A-Jugend bildete in den folgenden Jahren das Korsett der dann so erfolgreichen Frauenmannschaft. Mit den Trainern Henning Opitz, Johannes Nicodemus und später Reinhard „Unkas“ Wodrich erreichten die Frauen in der Saison 1959/60 die Feldhandballoberliga und im Winter 1962/63 auch die Hallenoberliga.

 

Aus dieser damaligen Mannschaft sind heute noch die passiven Mitglieder Gila Nicodemus, Ingeborg Brodt, Holde Pawlowski, Karla Opitz und Ingrid „KonniWodrich im Verein.

In der Hallensaison wurden jetzt schon komplette Runden mit Hin- und Rückspielen ausgetragen, jedoch geht die Spielzeit zu diesem Zeitpunkt nur über 2x20 Minuten. Bis 1965/66 spielten unsere Frauen „oben“ mit

 

Aufgrund beruflicher und familiärer Veränderungen sowie fehlender Nachwuchsspielerinnen musste die Mannschaft dann leider aus dem aktiven Spielbetrieb zurückgezogen werden.

 

Bei der männlichen Jugend und den Männern ging es nach anfänglichen Erfolgen in den Jahren 1953/56 bedauerlicherweise steil bergab. Die noch sehr jungen Spielwarte Charly Dittmann, Klaus Große und Peter Hach konnten trotz ihres großen Engagements diesen Niedergang nicht aufhalten. Erst als Gerd Julius den Posten des Abteilungsleiters übernahm, änderte sich die Lage.

Nachdem die Männer 1957/58 wieder in die 2. Kreisklasse abgestiegen waren, konnte ab der nächsten Saison Helmut Liersch vom PSV als neuer Trainer verpflichtet werden. Ein Jahr später, jetzt als Spielertrainer, stieg er mit seinen Männern wieder in die 1. Kreisklasse auf und die Leistung stabilisierte sich. Auch die Frauen, die Helmut Liersch ebenfalls eine Zeit lang trainierte, stiegen in die Bezirksliga (im Feldhandball) auf. Unvergessen für alle, die damals dabei sein konnten, waren die einzigartigen Nacht-Trainingseinheiten und die Feste mit dem Trainer an der Gitarre. Auch auf die Weihnachtskneipe und auf die Erstellung unserer Weihnachtszeitung nahm Helmut Liersch damals Einfluss.

Das Jahr 1962 muss als trauriger Wendepunkt der Handballvereine im Bezirk Wedding vermerkt werden, denn von den damals elf handballspielenden Vereinen gibt es heute nur noch zwei, Turnsport 1911 und BSC Rehberge! Von dieser Entwicklung konnten besonders die Männer von Turnsport 1911 profitieren. Die Zugänge aus den sich auflösenden Handballabteilungen der Vereine TSV Gesundbrunnen, VFL Nord und besonders die zahlenmäßig größte Truppe von Rapide Wedding hoben die Spielstärke der I. Männermannschaft sofort stark an und führten natürlich auch zur Bildung einer II. Männermannschaft. Unser Spielertrainer Helmut Liersch konnte jetzt aus den Vollen schöpfen. Hanne Nicodemus, der von Rapide Wedding kam, übernahm sofort für sechs Jahre das Amt des Spielwarts.

 

Mit dem Bau neuer Sporthallen in allen Bezirken gewannen die Hallenhandballspiele immer mehr an Bedeutung. So wurde ab 1959 in der neu errichteten Weddinger Luise-Schröder-Halle der Wedding-Pokal (anfangs Bürgermeister-Matthies-Pokal, später Erika-Hess-Pokal genannt) ausgespielt, den Turnsport 1911 nach anfänglichen Misserfolgen erstmalig am 30.03.1963 gewinnen konnte. Ebenso war Turnsport 1911 in dieser Zeit mehrere Jahre Ausrichter des Morgenpost-Pokal-Turniers.

 

Ab 1958 begannen die Mannschaften von Turnsport 1911 zu Turnieren in den westdeutschen Raum zu reisen. Die tollen Fahrten der Frauen und Männer nach Detmold, Bremerhaven, Herrenhausen, Woltmershausen, Schwiegershausen usw. sind vielen von uns „Alten“ noch heute in guter Erinnerung, besonders folgende Anekdoten:

In stockdunkler Nacht erreichte uns der Hilferuf eines unserer Sportkameraden, der in Schwiegershausen beim Abkürzen des Heimwegs in einen Graben gefallen war: „Hilfe, Hilfe! Hier liegt ein Berliner“.

 

Ebenso unvergessen ist unsere 36-stündige Heimfahrt aus dem Harz im April 1965, als die Grenze vorübergehend geschlossen wurde.

 

Die Männer stiegen in der Saison 1962/63 zur Hallenbezirksliga (später Stadtliga) auf. Doch leider war dieser Erfolg nur von kurzer Dauer. Trotz anhaltend guter Leistungen von Männern und Frauen kündigten sich, vom damaligen Vorstand (überzeugte Turner) nicht erkannt, ernsthafte Nachwuchsprobleme nicht nur in der Handballabteilung an. Der Vorstand verhinderte die Rekrutierung der letzten turnenden Jungen und Mädchen als Handballer mit dem Resultat, dass es die Frauenmannschaft ab 1966 nicht mehr gab und auch die Männer aus der Hallenstadtliga abstiegen. Auf Grund dieser Erfahrungen begann man in der Handballabteilung umzudenken.

 

Ein Neubeginn wurde gestartet.

 

Im Jahr 1966 wurden die noch relativ jungen Wolfgang Imm und Ingo Pawlowski 1. und 2. Vorsitzender im Gesamtverein. Achim Berghoff wurde Geschäftsführer. Er löste Edmund Stenzel ab und bekleidete dieses Amt bis 1996.

Edmund Stenzel (geboren 1911) war lange Jahre unser ältestes Mitglied und später Ehrenmitglied, bis er am 06.05.2006 leider verstarb.

Die Ämter Sportwart und Handballabteilungsleiter übernahm Bodo Jendrny für die nächsten 25 Jahre (bis 1993).

Reinhard „Unkas“ Wodrich wurde Trainer der Männer (mit Unterbrechungen 20 Jahre lang).

Jetzt konnten auch die letzten männlichen Turner für den Handball begeistert werden. Achim Berghoff trainierte die A-Jugend, während Dieter Brodt eine gemischte C/D-Jugend als Übungsleiter betreute. Von diesen Jungs ist noch heute Sieke Glaetzer dabei.

In der Saison 1968/69 gelang Reinhard „Unkas“ Wodrich mit seinen Männern auf Anhieb der Aufstieg in die Bezirksliga im Feldhandball.

1969 fuhren die Männer das erste Mal zum SSV Gusborn zu einem Großfeldturnier und nach Helgoland zu einem Kleinfeldspiel gegen den dortigen VfL Fosite.

 

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